Schönste Landschaft von Welt

 

   Die zwölfköpfige Reisegruppe aus Deutschland saß in der klappernden, ratternden Maschine, kaum von Shanghai abgehoben und zitterte um ihr Leben. Würden sie Guilin heil erreichen? Es gab Momente während dieses abenteuerlichen Fluges, in denen sie daran zweifelten. Bedrohlich dunkle Wolken durchzogen den Himmel und enthüllten ihre Kraft in einem heftigen Sturm. Jeder donnernde Zusammenstoß der Wolkengebilde erschütterte die Maschine. Jessica und Ute sahen sich nur wortlos an. Obwohl sie mit neunundzwanzig und dreißig Jahren die Jüngsten aus der Gruppe waren, schienen sie sich am meisten zu ängstigen. Selbst als der für diese Gegend so typische März-Sturm längst durchflogen war, schaukelte das Flugzeug immer noch.

 

   Als nach anderthalb Stunden Flug die zuckerhut-ähnlichen Berge überflogen wurden, stockte allen der Atem. Sie sahen ja wirklich aus wie Zuckerhüte! In Reih und Glied, einer neben dem anderen. Keine kahle Stelle am Boden zu sehen. Die Erde war übersät mit diesen Kegelbergen. Angst beschlich die Reisenden erneut. Wo wollte der Pilot denn hier landen? Bei dem bloßen Gedanken daran lief Jessica bereits ein kalter Schauer über den Rücken.

 

   Als das Flugzeug schließlich auf einem kleinen, runden Platz, umzäunt von den nun riesig wirkenden Bergen, heil landete, fiel ihr sichtlich ein Stein vom Herzen. Jeder Einzelne der Reisegruppe dachte das Gleiche: Wie eingekeilt! Gab es überhaupt ein Loch, durch das sie aus diesem spitzbergigen Labyrinth herausfinden konnten? Doch, der Busfahrer fand einen Weg durch das Dickicht der Berglandschaft und steuerte geradewegs auf Guilin zu.

 

   Stumm, nicht vor Müdigkeit, sondern weil sie aus dem Staunen nicht mehr heraus kamen, ließen sich die zwölf durchgeschüttelten Globetrotter durch eine atemberaubende Landschaft fahren. Yoli, der chinesische Reiseleiter von Guilin, hielt mit seiner Botschaft auch nicht lange hinterm Berg: „Helzlich willkommen in Guilin. Dies ist, wie die Chinesen sagen, die allelschönste Landschaft von Welt. Es bietet wundelschöne Belge, den zaubelhaften Li-Fluss, Tlopfsteinhöhlen und natülich die Bonsai Gälten mit dem Zoo, in dem sich ein Exemplal des Lieblingstieles del Chinesen befindet.“ Dass viele Chinesen fließend Deutsch sprechen, wunderte die meisten aus der Gruppe nach fast drei Wochen China-Aufenthalt nicht mehr und so grölten sie wie aus einem Munde: „Der Pandabär!“ Die Landschaft war so einzigartig und faszinierend, dass selbst die unter den Reisenden, die schon die halbe Welt gesehen hatten, nicht widersprachen und sie als die schönste Landschaft der Welt akzeptierten.

 

   Es war unfassbar, wie die Natur es fertig brachte, so ebenmäßig geformte Berge in diese ansonsten flache Gegend zu zaubern. Sie lugten wie Keile aus nahezu jedem Fleck von Guangxi, der südlichsten Provinz Chinas, hervor und ließen kaum Platz für die einheimischen Bewohner. Die bizarren Kalksteinberge schossen dabei wie schmale Pyramiden in den Himmel und prägten das Bild der Stadt Guilin, die im dritten Jahrhundert vor Christi gegründet wurde.

 

   Der erste Besuch galt natürlich dem Zoo. Doch der einzige Pandabär, in diesem fernab aller Zivilisation gelegenen Zoo, lag zusammengerollt in der hintersten Ecke seines Käfigs und schlief. Man konnte das „Knäuel“ nur an seinem weiß-schwarzen Fell erkennen. Die chinesischen Touristen waren enttäuscht und machten einen solchen Lärm, dass der Bär tatsächlich aus seinem Mittagsschlaf erwachte. Genervt von dem Krach streckte er den Besuchern kurz sein schläfrig feuchtes Näschen entgegen. Dann legte er sich gelangweilt wieder in seine Kuschelecke. Nur Touristen, das gleiche wie immer, es lohnt sich gar nicht aufzustehen. Ute und Jessica, die ein halbes Doppelzimmer gebucht hatten und dies miteinander teilten, passten in ihrer Art wunderbar zusammen. Sie machten fast alles gemeinsam, doch hier gingen sie getrennte Wege. Ute interessierte sich für die anderen Tiere im Zoo und war längst in ein „Zwiegespräch“ mit einem Äffchen verstrickt, das sie mit seinen lachenden Lauten wie magisch anzog. Aber Jessicas Blick schweifte längst zu den Bonsai-Gärten ab, die nur wenige Schritte entfernt lagen. Auf dem Weg dorthin sah sie einen Berg, der in seiner Form tatsächlich an einen Elefant erinnerte. Dabei dachte sie, der Reiseleiter wollte sie mit dieser Ankündigung nur auf den Arm nehmen. Aber er hatte recht. Der Elefantenrüsselberg war sogar das Wahrzeichen der Stadt. Seit ihrer Kindheit liebte Jessica die chinesische Pflanzenkultur. Sie hat so etwas Sanftmütiges, Rundes, Wohlförmiges an sich. Wie verzaubert bewunderte sie die winzigen Zwerg-Bonsais mit ihren kleinen, struppigen Formen, die zwei Meter hohen Riesen-Bonsais und die Gartenanlage und trotzdem schien sie etwas abzulenken. Es war ein Gefühl, das sie nicht deuten konnte, es war in ihr seit sie auf dem runden Platz mitten in den Kegelbergen gelandet waren.

 

   Das weitere Besichtigungsprogramm des Tages, die weiße Kranichhöhle, eine Tropfsteinhöhle an deren Eingang sie zwei echte Kraniche empfingen, spulte sich wie „nebenbei“ in Jessicas Kopf ab. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr. Etwas hatte sich verändert. Sie spürte eine andere Form von Dasein in sich, hatte das Gefühl, als ob ihr Herz einige Takte langsamer schlug. Alles schien plötzlich so weit weg zu sein. Ihr Kopf schien sich in Aufruhr zu befinden, wie Nebel, die sich langsam zu lichten beginnen.

 

   Am nächsten Morgen war eine vierstündige Bootsfahrt auf dem Li Fluss geplant und Jessica freute sich schon die ganze Reise darauf. Bereits auf der Fahrt zum Anlegesteg faszinierte die prächtige Landschaft. Das Kegelkarstgebirge im Hintergrund, einsame, verkrüppelte Bäume auf rotem Sandboden, aus Felsen geschlagene Platten, die Landbegrenzungen markierten. Der Zauber dieser Landschaft hatte die Weltenbummler, die nach achtzehn Tagen China-Aufenthalt fast wie Freunde waren, längst in seinen Bann gezogen. Auf dem Schiff spendierte Jessica allen einen Schnaps zum Aufwärmen. Es war ihr dreißigster Geburtstag und sie hätte sich keinen schöneren Rahmen dafür aussuchen können. Die Seile wurden eingeholt und das Ausflugsschiff setzte sich in Bewegung.

 

   Die meisten blieben in den windgeschützten Räumen und lauschten den alten, chinesischen Legenden, die der junge Reiseleiter Peter zum Besten gab. Er hatte Sinologie in Peking studiert und steckte alle mit seiner Begeisterung für diese Kultur an. Die letzten Semester absolvierte er auf Taiwan, während er nebenbei als Reiseleiter sein Geld verdiente. Jessica interessierten diese alten Geschichten nicht besonders, sie ging lieber aufs Oberdeck, wollte für einen Moment mit sich und diesem Naturschauspiel alleine sein. Es war kalt und die lila Wollmütze auf ihrem Kopf wärmte die Ohren kaum. Doch sie spürte den kalten Märzwind nicht mehr. Sie versank in ihre Träume, gab sich dem Gefühl der Entrücktheit völlig hin und nahm außer der überwältigenden Flora und Fauna nichts mehr um sich herum wahr. Das Rauschen des Li-Flusses, das so beruhigend auf ihre Seele wirkte, ließ sie ganz und gar die Welt um sich herum vergessen. Die Nebel in ihrem Kopf lichteten sich immer mehr und bald war nur noch Klarheit zu sehen. Vergessen das hektische Leben in Frankfurt, der Job, die Anforderungen. Die absolute Harmonie und Ausgeglichenheit, die Jessica sich immer wünschte, schien sie auf einmal auszufüllen. Sie begriff, dass sie schon immer da war und nur auf die Chance wartete, von ihrem ganzen Sein Besitz zu ergreifen. Die berauschende Wirkung dieser Landschaft brachte so viele neue, wunderschöne Gefühle in ihr zu Tage. Auch die anderen Mitreisenden, die nach und nach auf das Oberdeck kamen, empfanden das Gleiche: Stille. Ruhe. Gelassenheit. Vertrauen.

 

   Dieses Land, die Menschen und das Leben fernab aller Hektik, Geschäftlichkeit und Statussymbole rückte die Seelen seiner Besucher wieder zurecht. Die Zuckerhüte türmten sich in allen Variationen hintereinander auf, als wollten sie eine Geschichte erzählen. Das diesige Wetter schloss ihre Spitzen in dicke Wolken ein. Wasserbüffel am Flussufer ließen sich durch nichts auf dieser Welt beim Grasfressen stören. Ab und zu sah man in einer Bucht chinesische Bauern einen Bambuskahn auf den Fluss ziehen. Sie trugen große, runde, nach oben zugespitzte Hüte und man glaubte sich inmitten eines alten chinesischen Gemäldes. Die Ruhe und Zufriedenheit, die deren Gesichter ausstrahlten, schienen ansteckend zu sein. Jessica fühlte sich plötzlich von jedem Ballast befreit. Es schien, als sei ihr Innerstes aus ihrem Körper geschlüpft und sie begann, jenseits des materiellen Daseins, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

 

   Wie in Trance stimmte sie, nachdem das Boot an anderer Stelle wieder angelegt hatte, einer Bergwanderung zu und schloss sich damit Peter, Ute und zwei älteren Herrn aus der Gruppe an. Eigentlich war es ihr egal. Sie hatte diese Klarheit in ihrem Kopf entdeckt, die sie nicht mehr losließ. Es war, als würden die kegelförmigen Berge zu ihr sprechen. Jessica verstand aber nicht, was sie ihr zuriefen, musste sich auf den Aufstieg eines ebensolchen Berges konzentrieren. Die Stufen, die den hohen, fast senkrechten Berg hinauf führten waren meist abgebrochen, rutschig vom Nieselregen und ohne jegliche Begrenzung. Das machte die Bergbesteigung beschwerlich, denn die Begrenzung war der Abgrund, der steil und immer tiefer wurde. Auf der Spitze des Berges wurden sie jedoch für ihren fast zweistündigen Aufstieg, die Mühe und den Schweiß tausendfach belohnt. Trotz wolkenverhangenem Himmel entblößte sich ihnen ein sagenhafter Ausblick. Eine kleine, offene Pagode bot den erschöpften Wanderern Unterschlupf und Schutz vor dem Regen. Sie setzten sich in die offenen, runden Fenster und genossen den Blick über das weite Land, seine Berge, Seen und Flüsse. Erst jetzt konnte man erkennen, dass der Li-Fluss durch unzählig viele Windungen und Krümmungen lief. Auf einem nahe gelegenen Spitzberg befand sich eine weitere Pagode, die im Nebel nur schemenhaft zu erkennen war. Beeindruckender hätte dieser Ausblick im grellen Sonnenschein nicht sein können. Gerade der Nebel und der leichte Regen verbreiteten eine mystische Stimmung, welche die fünf ‚entrückten’ Deutschen in eine andere Zeit versetzte: An einen Ort fernab unseres Verständnisses, wo Zeit und Raum verschmelzen, oben gleich unten ist und die Welt sich auf den Kopf stellt. Jessica hätte ewig in diesem runden Fenster sitzen können, fühlte sie sich doch so leicht wie noch nie in ihrem Leben. Aber die Wolken wurden immer dichter. Als Peter sie leicht am Arm berührte, erschrak sie fast, so weit weg war sie mit ihren Gedanken. Trotz dieser Leichtigkeit spürte sie ein banges Gefühl in sich aufsteigen. Der Abgrund war tief und die schmalen Stufen mittlerweile gefährlich glatt. Ganz und gar nicht beruhigend war die Tatsache, dass diese Furcht jeden beschlichen hatte, auch den Reiseleiter. Die fünf Wanderer versuchten, sich gegenseitig Mut zu machen und fröhliche Lieder anzustimmen, während sie mit größter Achtsamkeit Stufe für Stufe hinab stiegen und nicht wagten neben sich in die Tiefe zu schauen.

 

   Sie schafften den Abstieg ohne größere Verletzungen, nur Ute und der siebzigjährige Richard hatten ein paar kleine Schürfwunden von gelegentlichen Ausrutschern. Dafür waren sie jetzt reif für einen Schnaps. Sie zitterten noch immer am ganzen Körper, vor Kälte und Erleichterung. Jessica versuchte, die vielen Gedankensplitter, die in ihrem Kopf umherschwirrten, in eine Ordnung zu bringen und den Sinn dieser Wahrheiten so zu begreifen, dass sie die neuen Gedanken in Worte fassen konnte - aber sie konnte sie nur fühlen. Es war ein schönes Gefühl, das sie für immer mit Guilin und seiner traumhaften und zugleich geheimnisvollen Landschaft verbinden sollte.

 

   Der letzte Tag in dem bezaubernden und unberührten Landstrich von Guangxi führte die Reisegruppe zu der Schilfrohrflöten-Tropfsteinhöhle, dem Elefantenrüsselberg und zu den Ming-Gräbern, die für die meisten Reisenden - trotz ihrer fehlenden Popularität - wesentlich beeindruckender waren, als die Gräber in Peking.

 

   Am Abend beschlich Jessica ein wehleidiges Gefühl. Sie wollte nur noch einmal, vor dem Abflug in das hektische Hong Kong, diese berauschende Sinnesempfindung erleben. Sie wusste, dass der Inselstaat sie aus allem heraus reißen würde, das sie bis dato in China erlebt hatte. Die Fahrten im Landesinneren nach Dazu und Wuhan, wo es schien, als sei die Zeit stehen geblieben, und die Menschen sie durch ihre Gelassenheit beeindruckten, hatten sie nicht erwarten lassen, dass dies noch zu steigern wäre. Der Frankfurter Reisegruppe hatte sich in Guilin eine so phantastische Idylle geboten, dass sie zum Höhepunkt der Reise erklärt wurde. Nach dem abschließenden Abendessen im Hotel, ging Jessica noch einmal nach draußen und atmete die Luft, die so rein und klar war, tief in ihren Bauch ein. Die Kegelberge umgaben sie, wie die geborgene Umarmung eines Vaters. Sie fixierte sie, wollte in sie hineinkriechen, sie nicht mehr loslassen. Die „Zuckerhüte“ bewegten sich regelrecht auf sie zu. Sie sah, wie sie ihr entgegen kamen, immer näher. In ihrem Kopf ließ sie die Bilder vom Li-Fluss und ihrer kleinen Bergwanderung vorüberziehen. „Du bist frei“, flüsterte es. Erschrocken sah sie auf. Hatte sie das wirklich wahrgenommen? Eine regelrechte Explosion fand in ihrem Kopf statt. Ja, das war es! Das war die Antwort. Es war die Freiheit, die sie in sich spürte, die Freiheit der Gedanken, der Gefühle, des ganzen Lebens. Und es galt, sie festzuhalten, sie zu hüten wie einen Schatz und für immer und ewig zu bewahren und in der Grenzenlosigkeit des Seins aufzugehen.

 

   Die Trennung von der schönsten Landschaft von Welt fiel schwer. Sie hat allen etwas Kostbares geschenkt, das sie nie wieder loslassen sollten. Es wird sie führen, begleiten und beschützen, ihr Leben lang, dieses Gefühl der Freiheit, Harmonie und Gelassenheit.

 

(c) Sabine S. Knapp

Visionärin, Philosophin, Autorin und Heilerin

 - - - - - - - 

Visonary, Philosopher, Writer and Healer