Das Wort

 

Was ist das Wort? Eine Aneinanderreihung von Buchstaben? Willkürliche oder unwillkürliche Zusammenfassung einzelner Bestandteile des Alphabets? Oder steckt mehr dahinter?

 

   Das Wort hat für jeden eine andere Bedeutung. Für den einen Schmerz, für den anderen Freude. Wunder, die es vollbringen kann, steigern uns in die Versuchung es vollständig verstehen und durchleuchten zu wollen. Kommt das Wort aus dem Inneren oder aus dem Universum? Oder widerspricht sich dies etwa gar nicht? Ich denke, das Wort hat eine persönliche Individualität und die Färbung oder Trübung der Person, die es ausspricht.

 

   Meine erste Begegnung mit dem Wort: Eine Liebeserklärung. Zu verführerisch diese eingebundenen Blätter mit Kinderhandschrift beschrieben. Mein Bruder war weniger begeistert, als sein vierjähriges Schwesterchen in seinen Schulheften kritzelte. Aber die Form der geschriebenen Wörter faszinierte mich. In sich verschlungene Striche, wie Zeichnungen. Mit bunten Farben wollte ich sie vollenden, konnte kaum abwarten, bis auch ich lernen würde sie zu formen. Damals habe ich noch nicht geahnt, dass man keine Buntstifte braucht, um Farben in Worte zu hauchen. Mit sechs Jahren schrieb ich meine ersten Briefe und Geschichten. Mit zwölf mein erstes Science Fiction Abenteuer. Was ist das Wort schon ohne Phantasie? Wer keine Vorstellungskraft hat, kann auch nie die wahre Macht des Wortes verspüren.

 

   Das Wort verführt die Sinne und schärft den Verstand. Wenn ich auf Reisen bin und die Schönheit dieser Welt mich weit abrücken lässt, sehe ich Klarheit in mir. Eine Klarheit, die Worte zu einem farbenfrohen Spiel der Bilder in meinem Kopf aufflammen läßt. Auch Worte selbst gehen bisweilen auf Reisen. Dann werden sie in andere Ebenen und Dimensionen geschickt, um ihre Wirkung dort auszuprobieren. Sie wandern vom Kopf über das Herz in den Bauch, von der Erde ins Universum, in eine andere Zeit. Jede Empfindung tausend mal ausgekostet. Sie werden auseinander gepflückt bis auf das letzte Gramm Bedeutung. Sie werden hin und her geschwenkt, in verschiedenen Lichtern betrachtet. Die Wort-Analyse treibt mich manchmal zur Verzweiflung, manchmal aber auch an einen Ort in meinem Inneren, der mir für wenige Augenblicke, durch einen winzigen Spalt geöffnet, die wahre Bedeutung offenbart.

   Die Sprache ist ein Feuerwerk, ein Spiel. Sie bestimmt das ganze Leben – ohne Regeln, ohne Grenzen. Ein Blick auf ein Wort genügt oft, um alles zu verändern. Seine Freiheit wird unterstützt durch die Ausdruckskraft der Person, die mit ihm umgeht. Ein Wort ist nicht eingesperrt, bedrängt oder von den Fesseln der Gesellschaft bestimmt. Es ist frei. Deshalb stürzt es auch ungezügelt und ungehemmt auf den Menschen ein. Der richtige Umgang damit ist schwieriger, als sich ihm zu entsagen.

 

   Das Wort ist der Mittelpunkt meines Lebens. Seine Schönheit und Anmut bestimmen mein Denken, Fühlen und Handeln. Im Zentrum meines Ichs ist ein Gefühl. Millionen Worte bräuchte ich, um es zu beschreiben. Ein Wort allein ist einsam, darum sind unsere Gefühle so mannigfaltig. Sie zu beschreiben mit unendlich vielen Worten und sich zu offenbaren, sich anderen Menschen zu öffnen mit seiner Hilfe, das ist das Ziel.

 

   Die schönste Liebesbeziehung, die ich mir denken kann. Ein Wort hat so viele Facetten. Es spricht mich an, ergreift mich, packt mich in Momenten, die unverhofft meinen Geist für sich einnehmen.

   Nachts wache ich manchmal auf, wenn ein Wort wie ein Blitz durch meine Adern strömt und meinen Puls nach oben treibt. Schlaftrunken ziehe ich die Decke weg, versuche es festzuhalten. Es hilft nichts, ich muss raus. Zettel und Stift greifen und das Wort, den Gedanken, aufschreiben, sonst verschwindet es wieder. Zu oft haben die Worte mich verlassen. Ich versuche sie dann wieder einzufangen, in diesen Zustand der absoluten Wahrnehmbarkeit zurück zu kehren – ohne Erfolg. Manchmal ist es eben einfach da. Es fesselt mich nur kurz, erwartet von mir, dass ich im selben Augenblick dieses wunderbare Geschenk erkenne und es manifestiere.

 

   Die unbeschreiblichen Gefühle, die das Wort verursachen kann, lassen das Leben pulsieren. Es ist nicht wichtig, ob diese Gefühle positiv oder negativ sind. Solange sich der Geist, die Seele und der Körper regt, sind wir am Leben. Dieses Leben zu spüren, bis ins kleinste Glied, macht jedes Wort kostbar.

 

   Es ist ein unermesslicher Schatz, den diese Erfindung der Menschheit geschenkt hat. In all seinen Variationen und Farben bereichert das Wort unser Leben und unsere Entwicklung mehr als alles andere. Krieg und Frieden. Leid und Hoffnung. Welchen Weg wird es wohl noch gehen? Wohin wird es uns noch führen? Wortakrobaten, Spekulanten und Philosophen zerbrechen sich hierüber den Kopf. Aber es gibt keine Antwort. Die einzige Antwort wäre, sich ihm fließend hinzugeben und sich langsam im Strom der Zeit seiner Evolution zu stellen. Das Wort führt uns in die eine oder andere Richtung. Sich ihm zu ergeben und sich seiner zu bemächtigen ist das einzig Richtige. Es muss als Handwerkszeug betrachtet und genutzt, als Inspiration verstanden und als Ausweg gesehen werden.

   Das unausgesprochene Wort gibt uns oft mehr zu denken als sorgfältig ausgewählte Wortkombinationen. Zwischen den Zeilen lesen ist schwierig, aber notwendig. Wenn wir uns weiter entwickeln wollen, müssen wir mehr sehen als die vielen ausgesprochenen, niedergeschriebenen Worte. Es ist unser Geist, der uns den Drang zur Weiterentwicklung diktiert. Ohne Worte könnte er nicht existieren. Er versucht hinter die Worte zu sehen, durch sie hindurch zu dringen und ihre Weisheit in sich aufzusaugen. Mit der Bedeutung, dem Klang und dem Geschmack des Wortes verschmelzen. Eins sein, mit allem was im Raum steht. Vermessen der, der glaubt alles zu wissen, jedes Wort zu kennen. Zur Vollkommenheit ist es noch ein weiter Weg. Der Weg dorthin ist das Ziel, die blühende Auferstehung unseres Geistes eine unausweichliche Nebenwirkung.

 

   Das Wort ist rastlos, bleibt niemals stehen. Es kann uns aus der Bahn werfen und wieder aufrichten, bringt uns zum Lachen und zum Weinen. Es berührt uns an Stellen, die wir an uns nicht kannten. Ist ein Leitfaden, ein Halt.

 

   Als sich mein Geist dem Wort das erste Mal öffnete, floss eine ungeheure Energie in Form von gebündelten Buchstabenfolgen auf das Papier, als wäre meine Hand eine Feder. Wie im Zwang schrieb sie, völlig losgelöst von meinem Bewusstein, eilig auf was mein Geist ihr diktierte. Ich war mit meinen fünfzehn Jahren überwältigt von dem, was aus meinem Inneren ans Licht kam. Als hätte es dort die ganze Zeit geschlummert und nur auf den richtigen Augenblick gewartet, sich an die Oberfläche zu trauen. Diese Verbindung bewusst herzustellen, gelang mir erst, als ich mich selbst gefunden hatte und mit meinem Inneren eins wurde. Und ich träume davon, dem Wort den Zauber zu verleihen, etwas zu bewegen.

 

(c) Sabine S. Knapp 

 

Visionärin, Philosophin, Autorin und Heilerin

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Visonary, Philosopher, Writer and Healer